Andacht – Monatsspruch September

Ihr sät viel und bringt wenig ein; ihr esst und werdet doch nicht satt; ihr trinkt und bleibt doch durstig; ihr kleidet euch, und keinem wird warm; und wer Geld verdient, der legt’s in einen löchrigen Beutel.

Haggai 1,6

 

„Ist denn eure Zeit da, dass ihr in euren getäfelten Häusern wohnt, aber dies Haus muss wüst stehen?“ (Haggai 1,4) – So wendet sich der Prophet Haggai um 520 v. Chr. im Namen Gottes an seine Mitbewohner. Sie sollen überzeugt werden, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Die Begeisterung dafür hielt sich in engen Grenzen. Die Bewohner der Provinz Juda im persischen Großreich gingen lieber ihren eigenen kleinen Projekten nach. Aber so richtig toll scheint das nicht zu sein, werden doch verschiedene Erfahrungen der Vergeblichkeit hier vereint. Die Beispiele sprechen für sich, bis auf eines, das wörtlicher heißt: Ihr trinkt und es reicht nicht zum Rausch. Das Dasein zeigt sich als ein eher schaumgebremstes.

Die Menschen betätigen sich als Häusle-Bauer, den Tempel als Baustelle haben sie noch nicht für sich entdeckt. Haggai bringt ihr Ergehen damit in Verbindung.

Unsere Situation ist eine ganz andere und doch erlaube ich mir, beide Lebenslagen in Beziehung zu setzen. Viel Mühe wird mitunter in die eigenen vier Wände gesteckt, im Garten wird gewühlt. Es sind private, kleine Inseln. Die Belange in Dorf bzw. Stadt und in der Gesellschaft in Eigeninitiative mitzugestalten, scheint da eher nachgeordnet. Sind das Nachwirkungen jahrzehntelanger Diktaturen, die in jeden Bereich hinein regierten und versuchten das Leben gleichgeschaltet unter Kontrolle zu halten?

Die Corona-Pandemie scheint manche Tendenzen zu verstärken. Was brauche ich? Urlaub, wiedergewonnene Freiheiten, …?

Und geistliches Leben, Gottesdienst, Kreise in der Gemeinde?

Nach meinem Eindruck strebt das Miteinander an mancher Stelle auseinander und droht in die eigene, kleine, private Sphäre abzugleiten. Wo bisher Schwerpunkte im Engagement lagen, klafft dann eine Lücke. Menschen hauen frustriert in den Sack oder spielen mit dem Gedanken daran und – ehrlich gesagt – gehen mir die Gegenargumente selber aus. Unklare Situationen und Rahmenbedingungen in unserer Kirche zerren an den Nerven und reiben auf.

Ich kann und will das gar nicht beurteilen.

Die oben stehende Gottesrede wage ich dennoch auf unser Leben zu beziehen. Nun wir bauen keinen Tempel. Aber nehmen wir den Tempelbau doch mal als Chiffre für einen Raum für Gott. Dann ginge es darum, dass für Gott heilige (= ihm gehörende) Zeiten und Orte in unserem Leben eingerichtet werden sollen.

Erfahrungen der Vergeblichkeit sollten uns herausfordern, nach Gott zu suchen allen Enttäuschungen und Frustrationen zum Trotz. Mit dem Bezug auf Gott öffnet sich die Lebensperspektive hin zur Mitwelt, denn Gott ist zur Welt gekommen.

Herzlich grüßt Ihr Pfarrer Frank Nötzold